Was die Kälte in Wien mich auf El Hierro lehrte

Es hat 22 Grad.
Die Sonne taucht die Lavaküste El Hierros in ein Licht, so golden, dass man meinen könnte, es sei flüssig. Ich sitze auf einem Stein, die Füße über dem Wasser, und atme. Vor mir der Atlantik – unendlich, blau, rauschend. Hinter mir die Stille einer Insel, die sich weigert, Massentourismus zu spielen.
Und mitten in dieser Leichtigkeit: ein Stich.
Ich denke an Wien. An den Zwölften. An Menschen, die jetzt, in diesem Moment, keine Sonne auf der Haut haben. Keinen Lavastein unter den Füßen. Sondern Asphalt. Kälte. Und die Frage, wo sie heute Nacht schlafen werden.
Weite macht hellsichtig. Das ist eine der Lektionen, die das Reisen mir immer wieder beibringt – nicht als schlechtes Gewissen, sondern als Klarheit.
Die Nacht, in der ich stehen blieb
Vor einigen Jahren, an einem Winterabend in Wien, ging ich durch den zwölften Bezirk. Es war einer dieser Tage, an denen die Kälte nicht nur in die Knochen, sondern auch in die Seele kriecht. Ich hatte gerade eingekauft, war satt, war warm gekleidet, war auf dem Weg nach Hause.
Und dann stand ich davor: dem VinziRast-CortiHaus.
Nicht als Besucherin. Nicht als Helferin. Sondern als jemand, der einfach stehen blieb und hinsah.
Durch das Fenster sah ich Licht. Kein grelles, sondern ein warmes, gedämpftes. Ich sah Menschen, die saßen, redeten, schwiegen. Und ich sah, wie jemand eintrat – mit gesenktem Kopf, mit schweren Schultern – und wie ihm eine Frau einen Becher Tee reichte. Kein Formular. Keine Frage nach Papieren. Kein “Erst musst du beweisen, dass du würdig bist.”
Nur ein Becher Wärme. Ohne Bedingungen.
Ich ging weiter. Aber dieser Becher ließ mich nicht los.
Was dieser Ort tut – und wie er es tut
48 Betten in der Notschlafstelle, 16 Wohnungen für ehemals Obdachlose” und “Die VinziRast finanziert ihre Angebote zum größten Teil aus privaten Spenden. Das VinziRast-CortiHaus im zwölften Bezirk ist kein Ort für große Reden. Er ist ein Ort für große Taten im Kleinen. Notschlafstellen, Wohnungen für ehemals Obdachlose, Mahlzeiten, Duschen – niederschwellig, ohne Auflagen, ohne das kleine “Aber”, das so oft im Weg steht.
Was mich am meisten berührt: Das Herzstück dieser Arbeit trägt sich zu einem wesentlichen Teil aus privaten Spenden. Nicht durch Bürokratie, nicht durch Umwege. Durch Menschen, die entscheiden: Dieser Euro soll ankommen.
Das hat etwas mit dem zu tun, was ich in der Entkopplung vom Erwarteten als reinste Form des Gebens beschreibe: Tu etwas, weil es richtig ist. Nicht weil du Dank bekommst. Nicht weil jemand zuschaut.
Hilfe ohne Bedingungen – die reinste Form der Menschlichkeit
Der Becher Tee ohne Formular ist ein kleines, präzises Bild für eine Haltung, die mich seit jenem Abend begleitet.
Hilfe ohne Bedingungen fragt nicht: “Hast du es verdient?” Sie fragt nur: “Brauchst du?”
Das klingt selbstverständlich. Es ist es nicht. Wir leben in einer Kultur, die Würdigkeit verhandelt. Die Unterstützung an Verdienst koppelt. Die “erst musst du zeigen, dass du es ernst meinst” zu einem Standard gemacht hat, der Menschen ausschließt, die keine Kraft mehr haben, etwas zu zeigen.
Einen Becher Tee reichen, ohne zu urteilen – das ist politisch. Das ist spirituell. Das ist, in aller Schlichtheit, das, was ich unter Menschlichkeit verstehe.
Hochsensible Menschen, die das Leid anderer besonders intensiv wahrnehmen, kennen die Erschöpfung, die entsteht, wenn man fühlt, ohne zu können. Wenn das Mitfühlen stärker ist als die eigenen Möglichkeiten. Die Antwort darauf ist nicht Abstumpfung – sie ist das Finden einer Form, die machbar ist. Klein. Regelmäßig. Ohne Heldennarrativ.
Weite verpflichtet – und das ist keine Last
Wer wie ich das Privileg hat, an stillen Orten zu sitzen, die Sonne im Gesicht, das Meer vor sich – der darf die nicht vergessen, die keine haben.
Das ist keine Aussage aus schlechtem Gewissen. Es ist eine aus Klarheit.
Weite – im geografischen wie im inneren Sinn – schärft den Blick für das, was fehlt. Wer zur Quelle wird statt nur zu empfangen, weiß: Das, was fließt, kann auch fließen. Weiterhin. In Richtungen, die man selbst wählt.
Ich spende jeden Monat einen kleinen Betrag. Nicht, weil ich viel habe. Sondern weil ich weiß, wie schnell das Wenige, das ich habe, weg sein kann. Und weil jede Nacht, die jemand im VinziRast-CortiHaus verbringen kann, ohne diese Entscheidung von Menschen wie mir nicht wäre.
Was du jetzt tun kannst – wenn du möchtest
Wenn du heute einen Moment hast – zwischen Sonne und Schatten, zwischen Haben und Sein – dann denk daran: Es gibt Orte, die halten, was ihr Name verspricht.
Hier kannst du direkt für das VinziRast-CortiHaus spenden – ohne Umwege, ohne Auflagen
Wann hast du zuletzt Wärme gespürt – und wann hast du sie weitergegeben?
Kategorien: Selbst und Seele, Spiritualität im Alltag