Schreiben als spirituelle Praxis: Warum jeder Satz ein Atemzug sein kann

“Was machst du eigentlich?”
Diese Frage bekomme ich häufig. Und jedes Mal zögere ich. Nicht, weil ich die Antwort nicht wüsste. Sondern weil die üblichen Kategorien nicht passen. Bloggerin? Nein. Journalistin? Auch nicht. Autorin im klassischen Sinn? Vielleicht, aber das Wort allein trifft es nicht.
Die Wahrheit ist: Ich bin jemand, die Worte als Gewebe benutzt. Schreiben ist für mich kein Mittel zum Zweck. Es ist eine Art zu atmen.
Wie das Schreiben zu mir fand
Ich erinnere mich an einen Abend vor vielen Jahren. Ich saß auf einer Holztreppe in Wien, die Stadt lag im Abendlicht, und in mir war dieses Drängen – dieses leise, unbestimmte Drängen, das nach Ausdruck suchte. Ich hatte damals noch nie professionell geschrieben. Kein Tagebuch, keine Notizen, nichts. Aber in diesem Moment begann es: ein Satz, dann ein zweiter, dann ein ganzer Strom.
Später verstand ich: Die Worte waren nicht ganz meine. Sie flossen durch mich. Wie Wasser durch einen Kanal. Ich war das Gefäß, der stille Raum, in dem sie Gestalt annehmen durften.
Seitdem schreibe ich. Nicht am Schreibtisch, nicht nach Plan. Sondern beim Gehen durch den Wienerwald, beim Sitzen am Meer auf El Hierro, beim Hören von Musik. The Doors begleiten mich seit Jahrzehnten – ihre Melodien sind der Grundton, über dem meine Worte tanzen. Jim Morrisons Stimme, dieses seltsame Gemisch aus Poesie und Schmerz, sie hat mich früh gelehrt, dass Worte mehr sein können als Information. Dass sie Räume öffnen können, in denen man sich selbst begegnet.
Diese Erfahrung – dass Worte durch einen hindurchfließen, statt von einem produziert zu werden – ist übrigens nicht nur Metapher. Sie ist für mich körperlich spürbar. Ein Text, der sich erzwingt, fühlt sich anders an als einer, der kommt. Den ersten merkt man ihm an. Den zweiten auch.
Schreiben ist Atmen – nicht Leisten
Ich kann das Schreiben nicht erzwingen. Ich kann nur den Raum bereiten: Stille, Offenheit, Geduld. Und dann warten, bis die Worte kommen.
Sie kommen immer. Aber in ihrem Rhythmus, nicht in meinem.
Das ist das erste und wichtigste, was ich über das Schreiben gelernt habe – und was mich lange irritiert hat, weil es dem widerspricht, wie man über kreative Arbeit redet. Disziplin, Routine, täglich 500 Wörter. Das mag für manche stimmen. Für mich stimmt: Der beste Text entsteht in dem Moment, in dem ich aufgehört habe, ihn herzustellen.
Dieser Gedanke hat mich zur Architektur der Stille geführt – zu der Frage, welche innere Haltung Schreiben erst möglich macht, bevor das erste Wort fällt. Stille ist nicht Voraussetzung im Sinne von Ruhe um mich herum. Sie ist ein innerer Zustand, den ich aktiv kultiviere. Und den ich ohne eine gewisse Tiefe der Selbstwahrnehmung nicht kenne.
Menschen mit ausgeprägter Hochsensibilität kennen diesen Zustand oft besser als andere – weil sie mehr wahrnehmen, auch das, was zwischen den Worten liegt. Viele hochsensible Menschen, die zu mir kommen, beschreiben das Schreiben als einen der wenigen Orte, an denen ihre Intensität Sinn ergibt. Wo tiefes Empfinden nicht Bürde ist, sondern Ressource.
Berühren ist wichtiger als informieren
Ein Text, der nur Daten liefert, ist vergessen, sobald man ihn schließt.
Ein Text, der berührt, bleibt. Er arbeitet weiter im Leser, oft ohne dass dieser es merkt. Er stellt eine Frage, die sich noch drei Tage später im Kopf dreht. Er benennt etwas, für das der Leser bisher keine Worte hatte – und gibt ihm damit etwas zurück, das immer schon da war, aber stumm.
Ein Satz von mir ist gut, wenn er nachklingt. Wenn er wie ein Samen fällt und erst viel später aufgeht.
Das ist auch der Grund, warum ich nie “Inhalte” produziere. Dieser Begriff beschreibt genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Inhalte füllen Platz. Worte öffnen Raum. Und Raum ist das, was wir brauchen – spiritueller Austausch funktioniert genauso: nicht durch Menge, sondern durch Tiefe der Begegnung.
Berühren heißt: Ich schreibe nicht über Hochsensibilität. Ich schreibe so, dass eine hochsensible Person sich erkannt fühlt. Ich erkläre nicht Gleichmut. Ich versuche, ihn erfahrbar zu machen. Dieser Unterschied ist alles.
Klarheit ist nicht das Gegenteil von Poesie
Manchmal denken Menschen, poetisch schreiben bedeute, sich in Metaphern zu verlieren. Den Kopf des Lesers zu umgehen und nur das Herz anzusprechen.
Aber wahre Poesie ist immer klar. Sie verdunkelt nicht, sie erhellt. Sie nimmt das Komplexe und formt es so, dass es das Herz erreicht, ohne den Kopf zu überfordern.
Das ist die schwerste Übung. Klarheit und Resonanz gleichzeitig zu halten. Präzise zu sein und dennoch offen genug, dass der Leser seinen eigenen Weg durch den Text findet.
Ich schreibe immer wieder Sätze, die mir schön vorkommen – und streiche sie, weil sie zwar klingen, aber nichts sagen. Und ich schreibe Sätze, die mir fast zu schlicht erscheinen – und lasse sie stehen, weil sie treffen. Dieser Prozess, diese wiederholte Entscheidung zwischen Schönheit und Wahrheit, hat mir mehr über Sprache gelehrt als jedes Schreibseminar.
Was ich mir für uns wünsche
Ich wünsche mir Leser, die nicht konsumieren, sondern begegnen. Die bereit sind, sich berühren zu lassen. Die spüren, dass ein Text mehr ist als Buchstaben auf einem Bildschirm – dass er ein lebendiges Gewebe ist, das zwischen mir und ihnen entsteht.
Schreiben ist für mich kein Beruf. Es ist eine Art, in der Welt zu sein. Eine Art, Verbindung zu schaffen – mit mir selbst, mit dir, mit dem, was größer ist als wir beide.
Wenn du selbst schreibst – nicht professionell, sondern für dich, in einem Notizbuch, in kurzen Notizen am Morgen – dann weißt du vielleicht, wovon ich spreche. Diesen Moment, in dem ein Satz sich setzt. In dem etwas, das sich vorher undeutlich anfühlte, plötzlich Kontur bekommt.
Das ist nicht Talent. Das ist Aufmerksamkeit.
Was löst dieser Gedanke in dir aus – Schreiben als Lebensform, nicht als Mittel zum Zweck?
Kategorien: Spiritualität im Alltag, Selbst und Seele