Teneriffa überlaufen? El Hierro zeigt, wie Winterurlaub ohne Massentourismus geht

2,3 Millionen Touristen auf Teneriffa - und ich fand die Stille auf der kleinen Schwester. Eine Einladung, die Kanaren neu zu entdecken.

Dunkelhaarige schlanke Frau um die 35 sitzt auf einer alten Lavasteinmauer hoch über dem Meer, Blick weit in den Atlantik gerichtet, zerklüftete Vulkanküste im Hintergrund, goldenes Nachmittagslicht, weiter Horizont, Stimmung tiefer Stille und innerer Weite, Naturlicht, keine anderen Menschen, photorealistisch, Stil: contemplative travel editorial

2,3 Millionen Touristen strömten im vergangenen Winter auf die Kanaren. Die meisten drängen sich auf Teneriffa und Gran Canaria, wo die Liegen reserviert werden, bevor die Sonne aufgeht, wo die Hotelburgen wie Festungen die Küsten säumen und der Lärm der Diskotheken bis tief in die Nacht das Rauschen des Meeres übertönt.

Ich saß derweil auf einer alten Lavamauer oberhalb von La Restinga.

Vor mir der Atlantik. Hinter mir: niemand. Das Einzige, was ich höre, ist das Atmen der Wellen. Und ich frage mich: Warum kennt kaum jemand diesen Ort?

Wie ich das stille Herz der Kanaren entdeckte

Vor ein paar Jahren suchte ich nach einem Ort, an dem ich zur Ruhe kommen konnte – ohne Ablenkung, ohne Konsumdruck, ohne das Gefühl, Teil einer Maschine zu sein. Ein Freund, der die Inseln bereist hatte, nannte mir einen Namen: El Hierro.

Die Kleinste. Die Unscheinbarste. Die man oft vergisst, wenn man die Schwestern aufzählt: Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, La Palma, La Gomera – und dann, fast als Nachgedanke, El Hierro.

Nur 11.000 Menschen leben hier. Es gibt kaum Hotels, keine kilometerlangen Strandpromenaden, kein Nachtleben.

In der Reisepresse wird Teneriffa zunehmend als Beispiel für unkontrollierten Massentourismus diskutiert – während El Hierro als sein Gegenteil gilt. Wer einmal hier war, versteht warum.

Dafür gibt es Orte wie La Maceta – ein Naturschwimmbad im Norden der Insel, eingebettet in das spektakuläre Tal El Golfo. Drei natürliche, durch schwarze Lavasteine geformte Becken laden zum Baden ein – das Wasser türkisklar, durch die schützenden Felsen auch an bewegten Tagen ruhig. Eine Sonnenterrasse, Picknickplätze, Duschen und Toiletten machen den Ort zugänglich. Oberhalb liegt ein Restaurant mit frischem Fisch. Und der Blick auf die vorgelagerten Roques de Salmor ist von der Art, die einen für einen Moment verstummen lässt.

Für wen El Hierro ist

El Hierro ist nicht für alle. Das ist sein eigentlicher Wert.

Wer Massentourismus hasst – wirklich hasst, nicht nur darüber spricht -, dem gibt diese Insel, was sonst kaum noch zu finden ist: echte Abgeschiedenheit. Die Insel empfängt nur etwa 30.000 Besucher jährlich. Teneriffa dagegen über 7 Millionen. Im Januar, wenn es hier 20 Grad warm ist, ist man oft der einzige Mensch am Strand. Ein Bier kostet ab 1,50 Euro. Die größte Unterhaltung ist das Rauschen des Meeres. An Orten wie La Maceta findet man mühelosen Zugang zum Meer in vollständiger Stille.

Wanderer erwartet eine teils karge Vulkanlandschaft und sattgrüne Regen- und Nebelwälder. Taucher finden im Mar de Las Calmas eines der besten Tauchgebiete Europas – mit Sichtweiten bis zu 50 Metern, wie sie in europäischen Gewässern selten sind. Und wer nachts in den Himmel schaut, versteht, warum El Hierro ein Paradies für Astronomie-Fans ist: Weit weg von Lichtverschmutzung ist die Milchstraße mit bloßem Auge sichtbar.

El Hierro ist aber vor allem etwas für Menschen, die bereit sind, für Stille eine kleine Odyssee in Kauf zu nehmen. Die Anreise führt über Teneriffa oder Gran Canaria, dann weiter per Fähre – zweieinhalb Stunden – oder per Inselflieger in 40 Minuten. Diese Schwelle hält die Massen fern. Wer sie überschreitet, wird belohnt: mit Ursprünglichkeit, mit dem Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein.

Eine Insel als innerer Spiegel

Was El Hierro mit mir macht, geht über einen guten Urlaub hinaus.

Wenn der äußere Lärm wegfällt, wird der innere lauter – und dann wieder stiller. Das ist eine Erfahrung, die ich nur an Orten mache, die sich nicht verbiegen, um gefallen zu werden. El Hierro verbiegt sich nicht.

UNESCO-Biosphärenreservat und Geopark – das klingt bürokratisch. Was es bedeutet: Hier darf die Natur noch Natur sein. Hier darfst du noch Mensch sein – ohne Programm, ohne Erwartung, ohne den Druck, die Zeit gut zu nutzen.

Die beste Reisezeit hängt davon ab, was du suchst. Wer dem mitteleuropäischen Winter entfliehen will, findet zwischen November und März milde Temperaturen von 18 bis 22 Grad, Sonne und leere Wege. Die Sommermonate von Juni bis September sind wärmer, bis 29 Grad, und perfekt für Badeurlauber. Für mich entfaltet sich die Magie El Hierros im Winter – wenn die Insel ganz den Ruhesuchenden gehört.

Es gibt eine Frage, die ich mir am Ende jedes Tages hier stelle – dieselbe, die ich mir auch zuhause stelle, wenn der Alltag zu laut wird: Wo bin ich gerade wirklich?

Diese Frage hat El Hierro in mir geweckt. Und sie begleitet mich, lange nachdem das Flugzeug nach Hause gestartet ist.

Was du jetzt tun kannst

Wenn du gerade überlegst, wohin der nächste Winterurlaub gehen soll – und dir die Vorstellung von Liegenreservierungen und Poolbars schon beim Lesen Erschöpfung macht – dann ist die Antwort vielleicht einfacher als du denkst.

Schau nach El Hierro.

Nicht für ein Wellness-Programm. Nicht für eine Abenteuerreise. Sondern für das, was Reisen im tiefsten Sinne kann: einen Raum schaffen, in dem du wieder hörst, was du zuhause übertönst.

Welche Art von Urlaub suchst du wirklich – den, der dich ablenkt, oder den, der dich zu dir selbst führt?

Warst du schon auf El Hierro – oder kennst du einen ähnlichen Ort, der dir diese Qualität der Stille gegeben hat?

Kategorien: Verwurzelt sein, Spiritualität im Alltag